Ich trage diese hölzerne Truhe mit mir, so lange ich denken kann.
Vielleicht habe ich sie bekommen, als ich noch ein Kind war— vielleicht ist sie ein Familienerbstück, mir bei der Geburt vermacht.
Manchmal fahren meine Finger über die kunstvollen Schnitzereien, versuchen zu entziffern, was dort steht— bisher habe ich nur ein M und ein C erkannt.
An manchen Tagen ist die Truhe leicht, und ich bemerke sie kaum. An anderen ist sie so schwer, dass ich sie kaum tragen kann.
Sie entgleitet mir fast, doch dann erinnere ich mich: Sie gehört mir—für immer. Also halte ich sie fest—Schmerz und alles.
Wieder wandern meine Finger über die Inschriften, versuchen, die Wahrheit zu entziffern, die Es und die As zusammenzusetzen.
Einmal wagte ich es, den Deckel zu öffnen— und unsichtbare Dornen entkamen aus dem Inneren, schlangen sich um meinen Hals, immer enger, fast bis zur Erstickung.
Also schlug ich ihn schnell wieder zu— oder ich versuchte es zumindest. Ich weiß nicht, ob ich es je geschafft habe, oder ob ich noch immer nach Luft ringe.
Und wieder frage ich mich, was diese Zeichen mir sagen wollen. Ein L ist eingraviert, und ganz sicher ein P.
Doch die ganze Bedeutung? Entgleitet mir noch immer.
Diese hölzerne Truhe— sie fühlt sich wie eine Last an, und doch wie ein Teil von mir. Und ich weiß, dass ich ohne sie—
nichts wäre… Oder wäre ich endlich frei?
Vielleicht, wenn ich die Inschrift entziffere, wird sich mein Schicksal erfüllen. Vielleicht kann ich dann wieder atmen, vielleicht bin ich dann ich—ohne Last.
Also versuche ich es wieder und wieder, meine Fingerspitzen wund vom Bemühen, bis ich am Ende die Bedeutung erkenne.
Und wieder stockt mir der Atem in dem Moment, in dem ich begreife, was dort immer schon stand: Mea culpa, mea maxima culpa.
Wie erstarrt stehe ich da, die Truhe fest in meiner Hand. Zuerst in Stille—dann mit wachsender Kraft— spreche ich die befreienden Worte:
Es gibt nicht was ich wieder gut machen muss.
Und genau in diesem Moment löst sie sich in Nebel auf. Ich fühle mich leicht—wahrhaft leicht— zum ersten Mal in meinem Sein. Und mir kommen die Tränen.
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